Alles was es zu sagen gibt, führt immer mal wieder darauf zurück, was ich im Überblick erwähnte. Für das eigene Radio ist es wichtig, ein Konzept, eine Vision zu haben. Auf genau diese zahlt letzten Endes auch ein, welche Personen für mein Team in Frage kommen. Man kann beobachten das Radios, die sich spezialisiert haben, Probleme haben, Moderatoren zu finden. Wenn sie diese jedoch finden, dann bekommen sie zumeist auch genau das was sie suchen. Je genauer ich also weiß, wie eine Person, ein Moderator sein muss den ich suche, desto eher finde ich auch genau diese Person. Die Bewerbungen hängen natürlich auch immer stark von der Stellenanzeige ab die ich ausschreibe und auch vom Standing meines Radios nach außen. Je bekannter mein Radio ist, desto mehr Leute „verirren“ sich auch dorthin. Das bedeutet aber leider nicht, dass ich automatisch bessere Bewerber bekomme. Viele bewerben sich auch auf das Geratewohl hin in der Hoffnung, beim richtigen Radio zu landen. Hier ist es dann am Sendeleiter zu schauen, zu filtern und zu erkennen, welche Person passt und welche nicht. Es kann ja gut sein, dass sich ein Jungmoderator bewirbt, der vielleicht noch nicht so die große Erfahrung hat, den man aber weiterentwickeln kann.
Jedes Radio hat die Moderatoren die es verdient und jeder Moderator findet das Radio, das ihn verdient.
Moderatoren neigen leicht dazu und das weiß ich durchaus auch aus eigener Erfahrung, sich als das Beste und Tollste zu sehen, was derzeit auf „dem Markt“ zu bekommen ist. Das trifft auf einige Wenige auch tatsächlich zu, aber leider halten sich auch viele für genau das, was sie eben (noch) nicht sind. Diese gilt es dann auf den Boden der Tatsachen zurück zu holen. Notfalls, auch das ist mir des Öfteren passiert, kann man sie an eines der richtig großen Radios verweisen und ihn bitten, sich doch dort zu bewerben. Schließlich sind diese Moderatoren derart gut, dass man ihnen niemals eine richtige Stelle bieten könnte. Solche und ähnliche Beispiele könnte ich aus eigener Erfahrung und aus Gesprächen heraus zu hunderten aufzählen. Wichtig ist letztendlich ein gesunder Menschenverstand und ein Konzept im Hinterkopf. Beides zusammen hilft dabei, auch wirklich die richtigen Leute für das eigene Projekt zu finden.
Grundsätzlich sollte man sich einige wichtige Fragen stellen, die man bei der Einstellung eines Moderators nach und nach abhakt. Diese Fragen sind eng mit dem Konzept des Radios verknüpft und ganz individuell bei jedem Radio. Daher könnten diese hier aufgestellten Fragen auch nicht unbedingt für jedes Radio gelten. Sie können und sollen nur eine Hilfestellung sein.
Eine Liste, die sich endlos fortsetzen würde. Ich habe selber bei Gesprächen oft nach solchen Checklisten gearbeitet. Das hilft nicht nur, die Auswahl zu erleichtern, sondern auch, das Gespräch nicht endlos in die Länge zu ziehen. Gerade die ersten Punkte wie Höflichkeit, Ehrlichkeit und Offenheit sind für das spätere Arbeiten im Team extrem wichtig und daher auch ein maßgebliches Einstellungskriterium. Ein verschlossener, unhöflicher Mensch wird in einem Team nur schwer einen Platz finden und könnte schnell Unfrieden bringen. Stress und Nervosität können Anzeichen für verdeckte Probleme oder sehr „wacklige“ Persönlichkeiten sein. Sie können natürlich auch bedingt durch das Gespräch selber entstehen. Es ist wichtig, dem Bewerber schon zu Beginn jede Angst zu nehmen und den gesprächsbezogenen Stress nicht erst aufkommen zu lassen. Dadurch kann man recht gut unterscheiden, woher denn die plötzliche Nervosität kommt. Vielleicht ist er ja beim letzten Radio übel hingefallen und hat nun Angst, dass ihm jetzt das Gleiche wieder passiert?
Niemals vergessen: Die Person am anderen Ende ist eine völlig unbekannte und genau so geht es dieser auch. Wenn ich gleich zu Anfang des Telefonats eine lockere Gesprächsatmosphäre schaffe, verläuft das gesamte Gespräch anders!
Authensität und Kompetenz abzuklopfen sollte einem Sendeleiter, der sich jeden Tag mit der Materie beschäftigt, nicht schwer fallen. Hat man einen Gegenüber, der sich auf eine Musikrichtung wie die 60er Jahre spezialisiert und kann man selber so gar nichts damit anfangen ist es durchaus ratsam, eine weitere Person in dieses Gespräch mit einzubeziehen. Man kann das Gespräch in zwei Teilen machen: Der erste Teil klopft die so genannten Softskills wie Lockerheit, Freundlichkeit, Teamfähigkeit und so weiter ab und der zweite Teil des Gesprächs schließlich befasst sich mit dem fachlichen. Eine gute Möglichkeit im Übrigen, eine zweite Meinung aus dem Team einzuholen die diesem wiederum zeigt, dass man sich Gedanken macht und nicht sinnlos weitere Leute in das Team holt, sondern gezielt und vernünftig wachsen möchte.
Besonders interessant wird es, wenn man auf die Erfahrung der Moderatoren zu sprechen kommt. Diese reichen von „ich hab heute das erste mal gehört das ich so was auch machen könnte“ bis hin zu „ich mach das seit 20 Jahren und hab schon ein eigenes Radio gehabt“. Beide „Gruppen“ sind für sich gesehen extrem interessant. Die Eine, weil sie viel Weiterentwicklungspotenzial besitzt und die Andere, weil sie Potenzial und Erfahrungen besitzt, die das eigene Radio weiterbringen könnte. Die Versuchung, sofort „Ja“ zu einer Einstellung zu sagen, könnte also bei beiden ungeheuer hoch sein. Aber Vorsicht! Nicht alleine die Erfahrung, sondern die Kombination aus Erfahrung und Softskills muss stimmen. Wenn ich einen extrem erfahrenen, ehemaligen Radioinhaber habe, der, so kompetent er auch sein mag, unhöflich und ungeheuer von sich überzeugt ist, könnte ich später Probleme bekommen.
TIPP: Nehmt euch einen zweiten Moderator eures Vertrauens zu Gesprächen mit. Macht eine Konferenz und ladet den Bewerber ein. Sprecht euch vorher ab, wer ihn was fragt und bildet euch eine gemeinsame Meinung! Vier Ohren hören mehr als zwei und besser, ihr denkt zweimal nach, als einmal zu wenig. Wenn ihr euch einmal jemanden in euer Team geholt habt der Unruhe stiftet, könnte genau das schnell außer Kontrolle geraten! An solchen Moderatoren, auch wenn viele das sicher nicht gerne hören, sind bereits Radios zerbrochen. Es kann auch durchaus hilfreich sein, mal bei den Kollegen nachzufragen, bei denen der Bewerber vorher gesendet hat.
In vielen Foren und Ratgebern liest man etwas von einer Moderatorenvereinbarung. Auch das soll an dieser Stelle Beachtung finden. Viele Radios gehen inzwischen dazu über, ihren Moderatoren eine Vereinbarung zu schicken und sich so zumindest ein wenig abzusichern. Das ist in einem beschränkten Maße auch möglich. Beschränkt deshalb, weil jeder der etwas gegen das Radio unternehmen möchte, zuerst an den Betreiber geht. Wer für die Verfehlung verantwortlich ist, macht keinen Unterschied. Zunächst einmal ist der Betreiber in der Pflicht und kann sich hier auch nicht freisprechen von der Verantwortung.
Eine Moderatorenvereinbarung macht aus meiner Sicht aber dennoch Sinn. Sie kann Dinge wie Urlaub, Abwesenheiten, Verhalten nach außen und einige andere Dinge regeln. Sie dient dabei viel weniger als Vereinbarung, als vielmehr als eine Art Leitbild, in dem sich die Ideen und Visionen des Radioinhabers wiederfinden können. Restriktionen gegen den Moderator können hier keinen Niederschlag finden, denn womit möchte ich einen Menschen bestrafen, der in seiner Freizeit für mein Projekt seine Stunden verbringt?
Für einen Moderator kann ein Leitbild und eine Vereinbarung dennoch auch durchaus als Hilfe gesehen werden. Leitlinien sind so etwas wie die Leitplanken einer Autobahn, die auch strauchelnde Autos noch auf der Spur halten. Sie können den Moderatoren Grenzen aufzeigen und Hilfe geben, wie weit sie in gewissen Dingen gehen können und sogar sollen.
Mit der Konzeptionierung eines Radios sollten daher von Anfang an diese Leitlinien geschaffen werden. Eine nachträgliche Einführung kann zur Einengung der Moderatoren und schnell zur Unzufriedenheit führen.
Zum Thema „Leitlinien“ könnt ihr auch den entsprechenden Abschnitt noch einmal zu Rate ziehen. Ebenso könnt ihr im entsprechenden Kapitel zum Thema "die Moderatorenvereinbarung" mehr zu diesem Thema erfahren und auch beispielhafte Vereinbarungen herunterladen.